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Richard Tauber & Franz Lehár
Gemeinsam unschlagbar
Berlin, 30. Januar 1926. Im Künstlertheater rüstet man sich für die deutsche
Erstaufführung von Lehcirs „Paganini“. Die Nerven sämtlicher Beteiligten sind
aufs Äußerste gespannt, besonders die des Direktors, Heinz Saltenburg. Er
rechnet fest mit einer totalen Pleite, ist doch das Stück bei seiner
Uraufführung in Wien mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Auch Lehárs ist
mehr als nervös; nach dem Desaster in Wien hat er verzweifelt an Richard Tauber
geschrieben: „Du mußt in Berlin singen, ein zweiter Fehlschlag ist für mich
undenkbar. Ich fürchte mich plötzlich vor allem, was mit dem Theater
zusammenhängt - ich werde alt.
Doch, o Wunder, diesmal wird „Paganini“ ein Renner. Bei der Premiere müssen
mehrere Nummern wiederholt werden, Taubers Lied „Gern hab ich die Frau‘n geküßt"
sogar fünf mal. Zum Schluß wird Lehárs auf die Buhne geholt. Unter Tränen umarmt
er Tauber und gesteht: „Richard, in diesem Augenblick bin ich künstlerisch zum
zweiten Mal auf die Welt gekommen.“
Ein vielzitierter Spruch, und einer von entwaffnender Ehrlichkeit. Denn nach
seinem Welterfolg mit der „Lustigen Witwe“ (1905), nach dem „Grafen von
Luxemburg“ (1909) und „Zigeunerliebe“ (1910) war die Erfolgskurve konstant
bergab gegangen.
Mit Taubers ‚Paganini“-Erfolg beginnt für Lehárs ein ungeahnter Höhenflug, und
auch für Tauber ist es der entscheidende Wendepunkt: Vom Opern-Sänger zum
Volks-Idol. In den folgenden Jahren, den letzten der Weimarer Republik sind sie
gemeinsam nicht zu schlagen; keine Diva, kein Revue-Star kann sich mit dem
Erfolg des Duos Tauber/Lehárs messen: Nach „Paganini folgt 1927 „Der Zarewitsch
1928 ‚Friderike“ (mit Käthe Dorsch in der Titelrolle und Tauber als Goethe),
1929 „Das Land des Lächelns“ (mit Vera Schwarz als ebenbürtiger Partnerin), 1930
‚Schön ist die Welt“. Wenn auch Kritiker über die Texte und Stories regelmäßig
die Nase rümpfen (Paganini und Goethe als Qperetten-Heldenl!) - das Publikum
jubelt und rast, so lange bis Tauber sein Lied drei-, vier- oder fünfmal
wiederholt hat, jedesmal mit neuen Variationen am Schluß. Und selbst jene, die
Lehárs Musik als sentimentalen Kitsch abtun, müssen zugeben: So kunstvoll wie
Tauber das singt, schwindet jeder Einwand dahin.
Mit Lehárs wird Tauber zum Medien-Star. Kaum eine Rundfunk-Woche ohne
Tauber-Lied, kaum ein Grammophon-Haushalt ohne Tauber-Platte. Eine, die zu Hause
am liebsten Tauber hört, wird als „Blauer Engel“ weltberühmt: Marlene Dietrich.
Die ungeheure Popularität Taubers läßt sich nicht zuletzt an den Reaktionen
derer ermessen, denen seinen Ruhm eher verdächtig ist. So dichtet der Komponist
und Kabarettist Friedrich Hollaender auf Taubers Omnipräsenz in den Medien:
„Fleck auf der Schleife? Nimm Tauber-Seife. Kleine Erfrischung? Nimm
Tauber-Mischung. ... Tauber als Gatten, Tauber auf Platten, Tauber zum
Nachtisch, Tauber im Nachttisch, des Stimme so lind strömt wie lenzliche Luft,
des Name verfolgt dich bis noch in die Gruft... Tauber nimmt das gelassen hin,
wirbt für seine Platten und Filme, auch für teure Autos und Luxus Hotels, sogar
für die Tabakfirma Salem: "Rauch´s 'Hohe C' zu jeder Stund, so bleibst du froh
und stets gesund.“
1933 wird der Höhenflug jäh unterbrochen. Die Nazis setzten Tauber auf die Liste
der „Volksschädlinge (Taubers Vater ist Jude), diffamieren ihn in ihren
Zeitungen, hetzen einen Schlägertrupp auf ihn, Tauber muß Deutschland verlassen.
Lehar hingegen darf bleiben, obwohl auch er „belastet“ ist (durch seine Frau und
seine Textdichter); doch seine „Lustige Witwe“ gehört nun mal zu den
Lieblingswerken des „Führers“... 1934 haben Lehárs und Tauber einen letzten
gemeinsamen Triumpf, im damals noch freien Österreich: Uraufführung der „Giuditta“
an der Wiener Staatsoper. Vier Jahre später, mit dem Einmarsch der Nazis,
verliert Tauber endgültig seine Heimat; er wandert nach London aus, Lehárs
bleibt in Bad Ischl. 1946 treffen beide noch einmal zusammen, bei einem
denkwürdiges Konzert für den Schweizer Sender Beromünster. Im Januar 1948 stirbt
Tauber, im Alter von 56 Jahren, an den Folgen von Lungenkrebs; Lehárs überlebt
ihn um wenige Monate, verstirbt im Oktober 1948 im Alter von 78 Jahren.
Unsterblich sind beide durch ihr gemeinsames Schaffen, das in einer Vielzahl
hervorragender Aufnahmen dokumentiert ist. Wobei die vorliegende Sammlung neben
absoluten Highlights wie „Dein ist mein ganzes Herz“ etliche Titel erhält, die
erstmals auf CD erscheinen, darunter auch Raritäten in englischer Sprache aus
den frühen 40er Jahren.
Thomas Voigt, C 2001
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